- Direkter Draht zur Bundeskanzlerin: Angela Merkel antwortet im Internet
-
Studenten haben mit Web-Plattform www.direktzurkanzlerin.de ins Schwarze getroffen — Regierung geht jede Woche auf drei Beiträge von Bürgern ein
VON KLAUS SCHRAGE
Direkt zur Kanzlerin: Eine von Brandenburger und Berliner Studenten gegründete Internet-Plattform macht dies für alle Bürger(innen) möglich.
BERLIN — Zum Tag der deutschen Einheit ging die Webseite ans Netz, inzwischen wurde sie bereits von rund 500000 Surfern besucht. Bald sollen auch Bürgerinnen und Bürger in anderen europäischen Staaten ihre Sorgen und Wünsche direkt an die Spitze der Regierung herantragen können.
Ausgedacht hat sich das neue Angebot der 33-jährige Betriebswirtschafts- Student Caveh Valipour Zonooz. Er arbeitet an der Freien Universität Berlin an innovativen Projekten mit. Eines davon ist die Gründung einer virtuellen internationalen Universität. Das Geld war und ist knapp. Und als Bundeskanzlerin Angela Merkel am 2. September in ihrer ersten Videobotschaft ans Volk ihre High Tech-Initiative lobte, beschloss Zonooz aus einer ersten Wut heraus quasi den Gegenschlag: So direkt, wie Merkel ohne Filter durch die Medien das Volk erreichen könne, sollte sich das Volk auch an sie wenden könnenIn drei Wochen aufgebaut
Zusammen mit einigen Mitstreitern baute Zonooz in drei Wochen die Internet- Plattform www.direktzurkanzlerin.de auf. Die ersten Beiträge wurden umgehend mit der Bitte um Antwort ans Bundeskanzleramt geschickt. Zunächst gab es keine Reaktion, doch am 23. Oktober sagte das Bundespresseamt den Machern der Webseite zu, dass die drei wichtigsten Beiträge jeder Woche beantwortet würden.
Die Rangliste wird demokratisch erstellt. Ein Zufallsgenerator wählt aus zehn Kategorien zehn Beiträge aus. Dann klicken die Besucher der Seite ihre Favoriten an. Die Resonanz ist groß: „Unser bester Beitrag hatte 800 Stimmen“, berichtet Zonooz. Ein Beispiel für eine „Top-Frage“: „Können Sie mir mal erklären, warum Mütter mit vier Kindern eine Bettelrente bekommen, obwohl es ihre Kinder sind, die künftig in die Rentenkasse einzahlen?“ Dahinter rangiert eine Aufforderung zur Nahost-Politik: „Als Bundeskanzlerin sollte Ihnen eine öffentliche Stellungnahme zu den israelischen Angriffen gegen die palästinensische Bevölkerung zustehen.“ Die Überwachung von Internetdaten war drittes Thema: „Ist es wirklich die Sache wert, Freiheiten aufzugeben, um das Sicherheitsgefühl der Bürger zu steigern?“ Besonders die Gesundheitsreform und das Leben mit Hartz IV beschäftigten die Menschen„Fragen kommen oben an“
Angesichts der großen Resonanz sind die aktuell 17 Betreuer der Webseite überzeugt, ein richtungweisendes Projekt für mehr direkte Demokratie zu betreiben. „Die Menschen haben die Chance, dass ihre Fragen ganz oben ankommen. Sie sehen auch die Antworten“, sagt sein Initiator. Beflügelt vom Anfangserfolg wollen die Studenten www.direktzurkanzlerin.de zum internationalen Projekt machen. Ende November geht eine entsprechende Internet-Seite in Österreich ans Netz, die Schweiz folgt unmittelbar danach. Letztlich haben sie das Ziel, dass es via Internet zum EU-weiten Austausch von Bürgerwünschen an die Politik kommt.
Caveh Valipour Zonooz, der das Projekt strikt parteipolitisch neutral halten will, hat keine Sorgen, dass ihm die Sache über den Kopf wachsen könnte. Es gebe genügend ehrenamtliche Mitstreiter. Und zudem merke er: „Der Erfolg nimmt die Müdigkeit.“Nürnberger Nachrichten
zurück
