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Fachkräftemangel
Arbeitsmarkt
von Marko Engelbrecht
3.9.2007
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
ich arbeite seit ca. 20 Jahren in der IT-Branche, in der hierzulande, wenn man den Branchenverbänden glauben würde, ein Fachkräftemangel herrschte. Ich halte mich für hinreichend qualifiziert für die Aufgaben der Zukunft. Was mir lediglich etwas Sorgen bereitet, ist mein kritisches Alter, das sich stark der arbeitsmarktlichen Unvermittelbarkeitsgrenze von 50 Jahren nähert sowie meine nicht vorhandene Bereitschaft zum unkontrollierbarem wiederholten Ortswechsel (heutzutage vielfach auch als "Mobilität" bezeichnet). Es wurde seitens meines Arbeitgebers wiederholt das Anliegen an mich herangetragen, mich weltweit einsetzen zu können, was von mir stets abschlägig beschieden wurde, was auch von meinem Arbeitsvertrag arbeitsrechtlich gedeckt ist.
Mit Interesse habe ich am vergangenen Montag im TV einen Bericht des ZDF-Magazins "WISO" verfolgt, der den offensichtlichen Widerspruch des sog. Fachkräftemangels im Ingenieurbereich zur gleichzeitigen Arbeitslosigkeit im gleichen Beruf darauf zurückführte, daß es z.B. in Berlin arbeitslose Bauingenieure gebe und in Stuttgart welche gesucht würden und es wurde seitens eines Mitarbeiters eines Arbeitsamtes bemängelt, daß man keine Handhabe habe, die Arbeitssuchenden Berliner Ingenieure zum Umzug nach Stuttgart zu zwingen, weil Gründe wie z.B. die Pflege von Familienangehörigen einen Umzug ausschließen.
Ist das jetzt neu? Hat es nicht immer schon Vermittlungshemmnisse aus persönlichen Gründen gegeben oder was wollte uns dieser Beitrag sagen? Der belehrende Unterton, der da mitschwang, war nicht zu verkennen. Es klang so, als wäre die deutsche Wirtschaft davon bedroht, daß gesuchte Fachkräfte sich engstirnig weigern würden, ihren Wohnort zu wechseln.
Mit freundlichem Gruß
Marko EngelbrechtHintergrundinformationen:
Ich liebe meine Heimat und würde grundsätzlich gern weiter hier wohnen und arbeiten. Und was mir noch viel wichtiger ist: Ich suche mir eine Arbeit dort, wo ich wohne und ich suche mir nicht eine Wohnung dort, wo ich arbeite. Das gilt selbstverständlich auch für den Fall einer zukünftigen Arbeitslosigkeit. Wenn ich z.B. nicht in Stuttgart arbeiten (und leben) möchte, dann werde ich das auch nicht tun.
Ist vielleicht genau das der Grund, warum die Bundesregierung jetzt die Zuwanderung erleichtern möchte? Sehen Sie ihr Heil darin, daß es einem Ingenieur aus Indien oder China egal ist, ob er in Berlin oder in Stuttgart lebt, weil er beides nicht kennt bzw. keinen emotionalen Bezug dazu hat? Daß Immigranten aus diesen Ländern erstmal alles zu ertragen bereit sind, nur um nach Deutschland zu kommen? Brauchen Sie vielleicht sogar ein neues Volk, weil Ihnen das einheimische zu aufmüpfig und zu engstirnig und zu anspruchsvoll ist, Frau Bundeskanzlerin?
Täuschen Sie sich mal nicht. Wirklich hochqualifizierten Fachkräften aus diesen Ländern steht die Welt offen. Sie müssen nicht ausgerechnet in das zukünftige Armenhaus der EU einwandern. Nach Deutschland kommen nur die "Fachkräfte", die anderswo niemand haben will. Viel Spaß mit denen.
Aufgrund der ungewissen beruflichen Zukunft in Deutschland habe ich mir bereits ein Land ausgesucht, in das ich auswandern kann. In diesem Land sind Fachkräfte aus Deutschland auch in meinem Alter noch willkommen (was in Deutschland leider nicht mehr der Fall ist) und werden nicht nur als Belastung für den Arbeitsmarkt angesehen. Ich habe bereits mehrfach dort Urlaub gemacht, fühle mich dort wohl und habe Adressen, an die ich mich wenden kann, sobald meine Entscheidung entsprechend gefallen ist.
Ich für meinen Teil will eigentlich nicht auswandern, aber wenn ich in Zukunft auch mit über 50 Jahren ein selbstbestimmtes Leben mit einem vernünftigen Lebensstandard führen möchte, geht nach meiner Einschätzung kein Weg daran vorbei, Deutschland zu verlassen, und zwar so schnell wie möglich. Meine Frage an Sie, Frau Bundeskanzlerin: Wollen Sie das? Wollen Sie tatsächlich erfahrene deutsche Fachkräfte aus dem Land ekeln um Platz für billige und anspruchslose Immigranten aus Entwicklungsländern zu schaffen?
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